Tinnitus – hat das Kiefergelenk einen Einfluss?

 

Einführung: Interdisziplinäre Relevanz für Therapeutinnen und Zahnmedizinerinnen

 

Tinnitus, also das Wahrnehmen von Ohrgeräuschen ohne externe Schallquelle, ist ein komplexes, meist multifaktorielles Phänomen. Neben otologischen Ursachen rückt zunehmend die Rolle des Kiefergelenks (temporomandibuläre Gelenkstörungen, TMD) in den Fokus. Für Physiotherapeuten, Logopäden und Zahnmediziner ist es zentral, den aktuellen Forschungsstand zu kennen, um interdisziplinäre Diagnostik und Therapieoptionen optimal zu gestalten.

 

Wissenschaftlicher Stand: Evidenz für den Zusammenhang

 

Mehrere epidemiologische und klinische Studien belegen eine signifikante Assoziation zwischen TMD und Tinnitus. Eine große retrospektive Kohortenstudie zeigte, dass Patienten mit TMD ein etwa 2,6‑fach erhöhtes Risiko für Tinnitus aufweisen im Vergleich zu Kontrollen ohne TMD‑Diagnose . Systematische Reviews und Metaanalysen bestätigen, dass TMD bei einem relevanten Anteil der Betroffenen gemeinsam mit Tinnitus auftritt, wobei die Prävalenz in TMD‑Patientengruppen deutlich höher ist als in der Allgemeinbevölkerung .

Neben der Häufigkeit unterstützen Daten die Idee eines spezifischen somatosensorischen Tinnitus‑Subtyps, bei dem Tinnitus durch somatische Reize aus Kaumuskulatur und TMJ‑Bereich moduliert wird. Patient*innen mit TMJ‑Beschwerden berichten häufiger über somatische Modulation ihres Tinnitus durch Kieferbewegungen oder manuelle Reize . Zudem scheinen psychosoziale Faktoren wie Stress bei der Co‑Existenz von TMD und Tinnitus eine Rolle zu spielen und beeinflussen die Tinnitus‑Schwere .

Mechanistisch wird diskutiert, dass trigeminal‑audiovestibuläre neuronale Netzwerke eine Rolle spielen. Die TMJ‑Region teilt sich Nervenverbindungen mit dem auditorischen System, sodass Fehlfunktionen und Muskelverspannungen indirekt zentral‑sensorische Prozesse beeinflussen könnten .

 

Klinische Implikationen

Für die Diagnostik empfiehlt sich eine screeningbasierte Abklärung von TMD‑Symptomen bei Tinnitus‑Patient*innen: Kiefer‑ und Kaumuskelbeschwerden, Knacken oder Schmerzen, Bruxismus oder Okklusionsasymmetrien. Ebenso wichtig ist die Erhebung psychosozialer Belastungsfaktoren.

 

Unser CMD aix Praxis-Tipp für Therapeuten und Mediziner

 

Ein einfach integrierbarer Ansatz in der physiotherapeutischen und logopädischen Praxis ist die somatosensorische Modulationstherapie: Beginnen Sie mit einer manuellen myofaszialen Entspannung der Kaumuskulatur kombiniert mit sanften Gelenkmobilisationen und patientengeleiteten Übungen zur Kieferentspannung. Unterstützend hilft eine Verhaltensberatung zur Bruxismusreduktion (z. B. Biofeedback‑Elemente, nächtliche Entspannungs‑Routinen). Dokumentieren Sie in der Anamnese, ob Tinnitus durch Kieferbewegungen moduliert werden kann – dies kann Hinweise auf somatosensorische Komponenten geben und die interdisziplinäre Behandlungsplanung verbessern.

 

Fazit

Die wissenschaftliche Literatur zeigt eine klare Assoziation zwischen TMD und Tinnitus, die interdisziplinär betrachtet werden sollte. Eine systematische, ganzheitliche Diagnostik und gezielte therapeutische Interventionen, die sowohl muskuläre als auch zentrale modulare Komponenten einbeziehen, können zur Symptomreduktion beitragen.

 

 

Wissenschaftliche Quellen

  1. Lee C‑F et al. Increased risk of tinnitus in patients with temporomandibular disorder: a retrospective population‑based cohort study. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2016.
  2. De La Torre Canales G et al. Associations between temporomandibular disorders and tinnitus – systematic review with meta‑analysis. Cranio. 2025.
  3. Systematic review: The Association Between Temporomandibular Disorders and Tinnitus. PubMed. 2025.
  4. Vielsmeier et al. Impact of Temporomandibular Joint Complaints on Tinnitus‑Related Distress. Front Neurosci. 2019.
  5. Narrative insights on neural interplay between TMD and tinnitus. J Neurol Res Rev Rep. 2024.
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