ADHS und CMD – interdisziplinäre Zusammenhänge verstehen
Was ist ADHS und was ist CMD?
Die ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist in der ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation unter F90 klassifiziert und beschreibt ein Muster aus Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Sie ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Die Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) bezeichnen Schmerzen und Funktionsstörungen im Kiefergelenk und der Kaumuskulatur.
Obwohl diese beiden Krankheitsbilder auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass es relevante interdisziplinäre Schnittstellen gibt.
Warum ist das Thema für Physiotherapeuten, Logopäden und Zahnmediziner relevant?
Patienten mit ADHS haben häufig begleitende muskuläre Verspannungen, Schwierigkeiten mit sensorischer Integration und eine höhere Prävalenz von orofazialen Beschwerden. Studien weisen darauf hin, dass ADHS-Patienten vermehrt über Bruxismus, Kiefergelenksbeschwerden und Schmerzen im Hals-Nacken-Bereich berichten. Diese Symptome können sowohl durch die neurobiologischen Besonderheiten der ADHS als auch durch sekundäre muskuläre Dysbalancen begünstigt werden. Für Therapeuten aller Disziplinen bedeutet dies, dass ein Verständnis der wechselseitigen Zusammenhänge die diagnostische Genauigkeit und die Behandlungsqualität verbessern kann.
Physiotherapie: Körperliche Spannungsmuster im Blick
Physiotherapeuten erkennen bei ADHS-Betroffenen oft eine erhöhte muskuläre Grundspannung, insbesondere im Nacken- und Schulterbereich. Diese Verspannungen können sich in der Kaumuskulatur manifestieren und CMD-Symptome verschlimmern. Funktionelle Diagnostik und manuelle Techniken zur Entspannung und Stabilisierung des Kiefer-Hals-Bereichs sind hier wertvoll. Ein ganzheitlicher Behandlungsplan, der auf Haltung, Bewegung und Stress-Regulation abzielt, kann nachhaltig helfen.
Logopädie: Sensorische und motorische Integration stärken
Logopäden arbeiten häufig an orofazialen Funktionen wie Atmung, Schlucken und Artikulation. Bei ADHS-Patienten können Störungen der orofazialen Motorik oder atypische Schluckmuster auftreten, die wiederum zu Fehlbelastungen des Kausystems beitragen. Durch gezielte Übungen zur orofazialen Motorik, Atem- und Haltungsschulung profitieren Patienten sowohl funktional als auch schmerztherapeutisch.
Zahnmedizin: CMD im Kontext neurobiologischer Faktoren
Zahnärztliche Behandler sehen häufig CMD-Symptome wie Knacken, Schmerzen oder eingeschränkte Mundöffnung. Bei ADHS-Patienten kann die Wahrnehmung von Schmerzen verändert sein, was Diagnostik und Therapie beeinflusst. Ein interdisziplinärer Austausch mit Physiotherapie und Logopädie kann helfen, die kausalen Faktoren besser zu erkennen und multimodale Therapiekonzepte zu entwickeln.
Unser CMD Aixperten-Tipp aus der Praxis:
Integrieren Sie eine kurze Screening-Checkliste in Ihre Anamnese:
• Unruhe/Hyperaktivität?
• Probleme mit Aufmerksamkeit/Konzentration?
• Bruxismus/Knirschen?
• Nacken-/Schulterverspannungen?
• Atmungs- oder Schluckauffälligkeiten?
Diese Punkte helfen, mögliche Zusammenhänge frühzeitig zu erkennen und bei Bedarf interdisziplinäre Konsultationen anzustoßen.
Fazit
Die Verbindung zwischen ADHS und CMD ist ein spannendes, klinisch relevantes Feld. Ein gemeinsames Verständnis über Disziplinen hinweg fördert eine ganzheitliche Betreuung, verbessert die Patientenversorgung und kann chronischen Beschwerden vorbeugen.
Wissenschaftliche Quellenangabe
American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). 5th ed.
Manfredini D, et al. “Temporomandibular Disorders and ADHD: A Systematic Review.” Journal of Oral Rehabilitation, 2018.
Glaros AG, et al. “The Relationship Between Stress, Psychological Factors and Bruxism.” Journal of Oral Rehabilitation, 2005.
Rydell M, et al. “Orofacial Motor Function in Children With ADHD.” European Journal of Oral Sciences, 2007.


